Dan Richter - Lektüreblog
Die Erzählungen aus 1001 Nächten und anderes

Sonntag, 17. Februar 2013

395. Nacht

"Zeitschriften, die wir euch vorstellen"

In den Jahren 2000 und 2001 stellte ich bei derChaussee der Enthusiasten in unregelmäßigen Abständen "Zeitschriften, die ihr nicht kennt" vor. Bei einem meiner mäßig inspirierten Aufräumanfälle fielen mir nun wieder die damals gekauften Hefte in die Hand. Das sagt man wohl so, aber eigentlich hatte ich diesen Zeitschriftenstapel immer wieder in der Hand, von Regal A nach Regal B schiebend und mir einredend, das wäre für irgendein "Archiv" wichtig. Schnickschnack. Ich machte noch schnell ein paar Fotos, und jetzt kommen sie in die Tonne. Die meisten dieser Zeitschriften sind natürlich ausgemachter Schrott. Einige versprachen zumindest Lektüre in Wissensgebieten, an denen ich sonst schnöde vorbeisause. Fast alle pflegen einen typischen Jargon - eine Mischung aus Anbiederei und Fachmännischkeit.

- Der Artikel aus der Zeitschrift REPTILIA kam damals ziemlich gut beim Publikum an. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Heiko Werning, der außerdem noch Redakteur dieser Zeitschrift ist, wurde kurze Zeit später in der Lesebühnenszene aktiv und ist heute Mitglied bei derReformbühne und denBrauseboys.
- Gegen wen kämpft man eigentlich? Diese Frage wollte ich mir durch den Kauf der "National-Zeitung" beantworten. Und man kommt Gewissensbisse schon beim Kauf: Einmal will man nicht für einen Nazi gehalten werden, zum anderen unterstützt man ja mit dem Kauf die NPD. Sehr erstaunlich, dass auf der letzten Seite Bücher von Noam Chomsky beworben wurden, ein jüdischer Linker. Um die bescheuerte Frage der Titelseite "Wie mächtig sind die Juden?" weiterzuspinnen: Haben die linken Juden jetzt schon die National-Zeitung in ihrer Hand? Wenn man genauer hinschaut: Es sind Bücher, die die amerikanische Außenpolitik nach dem 11. September 2011 kritisieren, und da kann der Nationalist schon mal den Alibi-Juden als Kronzeugen gebrauchen. Ob Chomsky davon weiß?
- Die Zeitschrift BRIDGE ist keine Kartenspielzeitschrift, sondern für Makler gedacht. Und so erfuhr ich, was mein einer Berliner Namens-Doppelgänger in Berlin so treibt.
- Sehr schön auch DER RAUBFISCH. Es fiel mir damals schwer, unter den Dutzenden Angelzeitschriften eine auszusuchen.
- Nicht auf den Fotos zu finden: GEHIRN UND GEIST, die einzige Zeitschrift, die es geschafft hat, gleich nach der Lektüre abonniert zu werden.
- Die kurioseste Zeitschrift fand ich aber "Die Lesertuning Scene". Eine Zeitschrift, die praktisch von ihren Lesern gemacht wurde: Leser stellen ihre getuneten Karren vor, und zwar stets inklusive am "Ameisenfresser" lehnenden aufreizenden Mädchen. Vom Technik-Schnickschnack verstand ich kein Wort, aber mich beeindruckte doch die extreme Unprofessionalität der Fotomodelle und ihrer Fotografen.

Bei Interesse auf die Bildchen klicken, dann kommt die größere Version des Fotos.

***

Der Alte antwortete, er sei auf dem Wege von Basra nach Bagdad, um ein Heilmittel für seine Augen zu finden. Der Kalif befielt Dscha'far, mit dem Alten Scherz zu treiben. Dscha'far rät nach kurzem Zögern dem Alten,

"drei Unzen Windhauch, drei Unzen Sonnenstrahlen, drei Unzen Mondschein und drei Unzen Lampenlicht"

zu nehmen und diese in einem bodenlosen Mörser zu zerstoßen. Der Alte legt sich auf seinen Esel, lässt einen Wind ab und erklärt diesen zum Lohn für Dscha'fars Rat und verspricht ihm außerdem bei Wirkung des mittels ihm eine Sklavin zu schenken, die ihm ein schnelles Ende bereiten soll.

Da lachte Harûn er-Raschîd, bis er auf den Rücken fiel, und befahl, jenem Manne dreitausend Dirhems zu geben.

Mit Geld sich das Recht zum Spotte erkaufen, ob das seinem Gott gefallen haben mag?

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Die Geschichte vom Kalifen Omar ibn el-Chattâb und dem jungen Beduinen

Der KalifOmar ibn el Chattâb sitzt auf dem Richterstuhl, als zwei Jünglinge einen dritten Jüngling am Gewand gepackt vor ihn schleifen.

Freitag, 15. Februar 2013

394. Nacht

Ich war ein Besser-Ossi
oder Onkel Hain kommt

Ob meine Besserwisserei angeboren oder anerzogen ist, weiß ich nicht. Nature or Nurture – die alte Frage. Da ich meine Eltern schon als kleines Kind damit nervte, sie in kleinen Dingen des alltäglichen Lebens zu korrigieren, muss es wohl in den Genen liegen oder vielleicht an einer Mutation der Muttermilch. Die moralphilosophische Fachwelt streitet ja darüber, ob Besserwisserei der Todsünde des Hochmut zuzurechnen sei. Dagegen spräche, dass es einem ja nur um die Sache geht: Den Fortschritt, die Wahrheit. Man möchte seine Menschen nicht in der Düsternis der Dummheit zurücklassen. So gesehen ist jedes Lehrbuch, überhaupt jedes wissenschaftliche Werk eine besserwisserische Anmaßung. Andererseits bohrt der Besserwissende in der Wunde des Schlechterwissenden. Er nervt den Nichtwissenwollenden, vor allem aber verbessert der Besserwissen in Situationen, die kein Belehren verlangen. Dies zu erkennen ist aber für den Besserwisser fast unmöglich, da es für ihn nichts Dringenderes gibt als die Richtigstellung eines Irrtums, und sei es die Korrektur eines Kommafehlers. Es kostete mich große Mühe zu lernen, mir wenigstens in zwischenmenschlichen Schlüsselsituationen auf die Zunge zu beißen. Vielleicht erkannte ich es mit Anfang 20, als mir meine Freundin beim schönsten Vorspiel zuflüsterte: "Du brauchst heute kein Kondom überziehen."
"Überzuziehen!"
"Was?"
"Es heißt, 'Du brauchst heute kein Kondom überzuziehen.' Wer brauchen ohne zu gebraucht, ist nicht zu gebrauchen."
Ja, ja. Für diese Freundin war ich auch bald nicht mehr zu gebrauchen.
Aber zu lernen, die Angemessenheit der Belehr-Situation zu berücksichtigen, war für mich ein langer dornenreicher Weg – die Dornen dieses Wegs waren meine Besserwis-sereien und die Verletzungen zogen nicht nur die von mir Belehrten sich zu, sondern letztlich immer ich.
Meine ersten Opfer waren meine Kindergarten-Freunde, die ich mit frisch zusammengelesenem unnützem Wissen beballerte: "Welcher Frühblüher bekommt die Blüten vor den Blättern?" Nicht nur kannte die richtige Antwort "Der echte Seidelbast" natürlich niemand, die meisten wussten nicht einmal, was Frühblüher sind, und eine erstaunlich große Minderheit kannte nicht einmal den Unterschied zwischen Blüten und Blättern. Gut waren natürlich auch Fragen, die ich zwar nicht verstand, aber deren Antwort ich wusste: "Was ist die Muttersubstanz von Radium?"
So lernte ich mit fünf Jahren, dass es nicht viel bringt, sich schlauer zu fühlen, wenn die Konsequenz kommunikative Ausgrenzung lautet. Meine nächsten Opfer waren die Lehrer, und das zwölf Jahre lang. Ich wusste nicht alles besser, aber vieles. Talentierte Lehrer nutzten meine Fragen, um den Unterricht zu dynamisieren, während die weniger talentierten jedes Mal verunsichert waren, ob ihr am besten mitarbeitende Schüler, wenn er sich meldete, eine gute Antwort oder eine provokante Frage parat hielt.
Auch in schriftlichen Arbeiten testete ich regelmäßig die Lehrergrenzen aus. Diktat gegen Ende der ersten Klasse: "Onkel Hein kommt" lautete die Überschrift. Ich war in jener Zeit fasziniert von Zwielauten und Umlauten jeglicher Art. Onkel Hein kommt? Soso, das würde mir Frau H. bei der Korrektur nachweisen müssen, dass sie "Hein" so ausgesprochen hatte, dass man ihn nicht mit "ai" schreiben könnte. Andererseits wäre "Heyn" auch nicht schlecht, vielleicht sogar noch provokanter? Ich beließ es bei Hain. Frau H. lobte mich später sogar – ein Bärendienst an der Bildung meines Charakters, in dem es sich der Dünkel bereits gemütlich gemacht hatte. Dieselbe Frau H. ging ebenso ruhig darüber hinweg, dass ich in Mathearbeiten die Variablen nicht x oder y nannte, so wie es andere Kinder taten, sondern diese ausnahmslos mit den Umlauten ä, ö und ü, sowie gelegentlich auch mit ß bezeichnete.
Weniger starknervig war Frau H.s Nachfolgerin, Frau B., die in der sechsten Klasse, es ging im Geographie-Unterricht gerade um Industrie-Gebiete in Polen, mehrere Korrekturvorschläge zur Unterstreich-Form von Überschriften und Zwischenüberschriften ertragen musste. Ihre Stimme tremolierte bereits, als sie meinen unerbetenen Vortrag zum Thema "Zahlen als Unterpunkte. Warum man nicht 2.), sondern entweder 2. oder 2) schreibt" unterbrach, um zum öden Industriethema und der Werft- und Hafenstadt Gdansk zurückzukehren. Ich blätterte in meinem Buch, während B. an der Tafel säuselte und das auf ihrer A5-Karteikarte vorgemalte Tafelbild abmalte. Die Klasse schläferte träumerisch so vor sich hin. Eine kleine Zwischenfrage zum Aufmuntern: "Für den Export welcher Rohstoffe braucht denn Polen den Hafen?" Niemand meldete sich, ich schaute zum Tafelbild. Dort stand Gdanst! Mit T! Für alle sichtbar. Sollte ich wieder mal schlauer sein als die Lehrerin? Dies zu demonstrieren, durfte ich mir nicht entgehen lassen. Ich meldete mich. Frau B. musterte mich scharf: Würde ich wieder provozieren? Ich fühlte mich unschuldig und im Recht, und so muss mein Blick völlig unschuldig gewirkt haben, als ich, nachdem Frau B. mir zunickte: "Ja, Dan?" die Antwort gab: "Gdansk wird aber mit K geschrieben." Nie wieder habe ich B. dermaßen ausflippen sehen: "Das ist ein K. Ein K!!" Sie übermalte das T zum K und echauffierte sich über die gesamte Klasse. Warum habe man ihr, der jungen Absolventin in dieser Schule die trägste Klasse von allen gegeben, in der der Einzige, der überhaupt Energie genug habe, um den Arm zu heben, sich mit der Korrektur unwichtiger Nebensächlichkeiten beschäftige. Auf den Hinweis, dass Orthographie keine unwichtige Nebensächlichkeit sei, holte sie mich als Strafe zur mündlichen Leistungskontrolle an die Tafel. Mit dem aktuellen Stoff – "Industrie in den RGW-Staaten" – konnte sie mich nicht drankriegen, und so stocherte sie in vergangenen Themen herum: Faltengebirge, Glaziale Serie, Oberrheingraben. Die Pausenklingel dröhnte. B. suchte weiter nach Schwachstellen. Fünf Minuten später gab sie auf: "Pause!", und gab mir verdrossen die Eins. Es fühlte sich gut an, Recht behalten zu haben, aber mir war klar: Man hatte mich auf dem Kieker. Die ganze Schulzeit über. An der Uni war ich schon vorsichtiger. Aber trotzdem hielt meine Besserwisserei an: Meine Beziehungen litten darunter. Und sicherlich auch meine Gesundheit. Denn noch kannte ich nicht die Regel, dass die Gastronomie zu den Bereichen zählt, in denen Kritik sich leicht als Bumerang erweist. Den Kellnern ist es wohl einigermaßen egal, ob sie einen Teller ein oder dreimal durchs Lokal tragen müssen. Köche aber reagieren wie beleidigte Pianisten, wenn man ihre Kunst infrage stellt. Bemerkungen wie "Die Bechamelsoße am Spargel ist viel zu dick." oder "Rosmarin passt aber nicht an Geflügel" bringen Köche auf die Palme. Und erst spät erfuhr ich, dass sich diese Küchen-Lamas rächen, indem sie einem die Soße des neuservierten Essens ordentlich mit Eigen-Aule einspeicheln. Auch ein Cartoon des Derbzeichners Werner Brösel bindet meine Zunge wenn’s ans Kritisieren von Restaurant-Gerichten geht: Wir sehen einen Schiffskoch, der freudig sein entblößtes Glied über eine Pfanne hält und darunter den Zweizeiler: "Der Koch in der Kombüse/verfeinert das Gemüse."
Ich habe gelernt, und habe gelernt zu schweigen, wenn ich falsch bedruckte Speisekarten oder orthographisch verhunzte Ladenschilder sehe. Ich zügle mein Maul, wenn Freunde ihr Geld für schützende Kristalle, "belebtes Wasser" und ähnlich geldschneiderischen Schrott ausgeben. Ich achte auf den passenden Ort und die passende Zeit, um auf die Lügen der Homöopathie aufmerksam zu machen. 381 Millionen Euro pro Jahr in Deutschland für Globuli aufgrund einer Hokuspokus-These, für deren Beweis jedem der Physik-Nobelpreis zuerkannt würde, deren Belege allesamt subjektiver Natur sind und deren Effekt genauso durch Wasserschlucken reproduzierbar wären. (Ich kann mich schon wieder nicht halten…)
Aber es gibt eine schöne Spielwiese für Leute wie mich: Immer wieder bestaunen Feuilletonisten die Arbeit und den Antrieb der Wikipedianer. Wie kann eine selbstorganisierte Enzyklopädie funktionieren? Wo nehmen die Macher die Zeit und den Ehrgeiz her? Hier ist die Lösung: Besserwisserei. Ich kann keinen Wikipedia-Artikel lesen, ohne Kommafehler zu korrigieren. Bei Behauptungen, die mir unwahrscheinlich erscheinen, schlage ich mir Stunden um die Ohren, um sie zu veri- oder falsifizieren, selbst wenn mich das Thema an sich nur peripher interessiert. So wurde im deutschen Artikel zum Italo-Amerikanischen Schlagersänger Al Martino behauptet, er sei in den 60ern nach England geflohen, weil er von einem Mafioso namens Luca Brasi verfolgt worden sei. Luca Brasi ist aber der Name eines Knochenbrechers im 70er-Jahre Film "Der Pate", bei dem Al Martino eine Nebenrolle hatte. Hier schien mir etwas durcheinandergebracht worden zu sein. Mehrere Tage verbrachte ich mit der Recherche, bis ich auf ein Zitat in der Augsburger Allgemeinen stieß, das einen amerikanischen Zeitschriften-Artikel falsch übersetzt hatte, der wiederum sehr frei mit der Vita Al Martinos spielte. Ich strich in der Wikipedia einen Halbsatz und mich durchfuhr ein mentaler Orgasmus. Vor einem halben Jahr bin ich wegen meines Fleißes in der deutschen Wikipedia zum Sichter befördert worden. Wiki-Sichter! Seidelbast! Gdansk! Rosmarin! Bechamel! Brauchen nur mit zu! Globuli. Und Onkel Hain! Onkel Hain kommt!

***

Der Mann berichtet den zusammengerufenen Leuten, was geschehen war, woraufhin die Frau den lebenden Fisch präsentiert, der ihn Lügen straft.

Dann erklärten sie ihn für irrsinnig und sperrten ihn ein und lachten ihn obendrein aus. Er aber begann in Tränen auszubrechen und hub an, diese beiden Verse zu sprechen:

Die Alte hat im Schlechten schon hohen Rang erklommen.
Und Zeugen der Gemeinheit stehen in ihrem Gesicht.
Wenn unrein, kuppelt sie; wenn rein, bricht sie die Ehe;
Sie lebt, indem sie kuppelt und auch die Ehe bricht.

***

Die Geschichte von der Weiberlist

In Bagdad geht eine "Tochter der Fröhlichkeit" am Laden eines schönen Jünglings vorbei, über dessen Tür die Worte stehen:

"Es gibt keine List als die List der Männer; denn sie übertrifft die List der Frauen."

Dies reizt sie, ihm das Gegenteil zu beweisen. Am nächsten Tag kommt sie in seinen Laden, vorgeblich, um Stoff zu kaufen. Dann spricht sie zu ihm:

"Sieh doch mal, wie schön ich von Wuchs und Gestalt bin! Kannst du einen Fehl entdecken?" (...) "Nein, meine Herrin."

Daraufhin entblößt sie ihren Busen und ihre Arme.

"Was veranlasst dich, meine Herrin, mir diese schönen Glieder und diese liebliche Gestalt zu zeigen? (...)

Die weiße Wange wird vom Haar umrahmt
Und ist verborgen in der schwarzen Pracht.
Die Wange gleicht dem hellen Tageslicht,
Das Haar ist gleichsam wie die finstre Nacht."

Daraufhin erzählt sie ihm, ihr Vater, der Großkadi verhöhne sie und sage ihr ständig, sie sei hässlicher als die Sklavinnen und bräuchte deshalb keine feinen Kleider. Sie nimmt Abschied von ihm, und

in seinem Herzen regte sich eine tausendfache Sehnsucht.

Er begibt sich zum Kadi und hält um die Hand dessen Tochter an.

"Herzlich willkommen", erwiderte der Kadi, "aber meine Tochter taugt nicht für deinesgleichen, mein Freund."

Doch der Jüngling beharrt darauf, und so wird noch vor Ort der Brautpreis ausgehandelt und die Eheurkunde aufgesetzt. Drei tage später findet die Hochzeit statt.

Als er aber den Schleier von ihrem Antlitz hob und das Kopftuch zurückschlug, da entdeckte er eine ekelhafte, hässliche Gestalt und ein mit allen Fehlern behaftetes Wesen. Und nun bereute er, als ihm die Reue nichts mehr nutzte. (...) Und er ruhte bei seiner Gattin wider Willen.

Ob der Vollzug nachgeprüft wurde? Oder sich der Kadi auf die Aussage seiner Tochter verließ?

Er wird nun von seinen Freunden verspottet. Und als er wieder in seinem Laden sitzt, kommt die junge Frau wieder und bietet ihm an, ihm zu helfen, sofern er die Inschrift über der Tür verändere. Dies tut er:

Es gibt keine List als die List der Frauen; denn ihre List ist die größte.

Sie rät ihm, Trommler und Tänzer zu bezahlen, damit sie ihn am nächsten Tag vorm Gerichtshof des Kadis bejubelten und ihm sagten: 'Zum Segen, Vetter! Unsere Seele freut sich über das, was du getan hast.' Dann möge er ihnen Dirhems zuwerfen.

"Ja, der Rat ist gut", antwortete er.

Weiß er schon, worauf das hinausläuft? Ich hier noch nicht.

Er tut, wie ihm geheißen, und der Kadi wird erbleicht, da die Trommler behaupten, sie seien durch die Heirat als Vettern nun Verwandte des Kadis geworden.

"Weißt du nicht, hoher Herr, dass ich auch zu dieser Zunft gehöre?"

"Allah verhüte, dass dies Ding sich vollende! Wie sollte es erlaubt sein, dass die Tochter des Kadis der Gläubigen bei einem Mann e verbleibe, der zu den Tänzern gehört und niedriger Herkunft ist? Bei Allah, wenn du dich nicht im Augenblicke von ihr scheidest, so lasse ich dich peitschen und auf immer bis zu deinem Tode ins Gefängnis werfen. (...) Du bist ja unreiner als ein Hund oder ein Schwein." (...)
"Sei besonnen, o Gebieter! Denn Allah ist besonnen! Ich könnte mich von meiner Frau nicht scheiden, wenn du mir auch das Königreich Irak schenktest!"

Der Kadi behält seine Drohung bei, und der Jüngling spricht die Scheidung aus. Er kehrt zurück in den Laden und heiratet die listige Jungfrau.

 

***

Die Geschichte von der frommen Israelitin und den beiden bösen Alten

Eine fromme Israelitin wird von zwei Alten bei der Waschung hinterm Gebethaus beobachtet und erpresst, sie möge ihnen zu Willen sein. Sie widersteht, und so veleumden die beiden Alten sie, sie hätte Ehebruch betrieben. Drei Tage steht sie am Pranger, dann soll sie gesteinigt werden. Aber der zwölfjährige Daniel, der spätere Prophet, verhört die beiden Alten getrennt, und sie machen widersprüchliche Angaben zum Tatort.

Da sendete Allah der Erhabene plötzlich einen rächenden Blitz vom Himmel und verbrannte die beiden Alten.

Warum tut er das erst, als deren Schuld durch Daniel bereits bewiesen ist?

Dies war das erste Wunder des Propheten Daniel - auf ihm ruhe Heil.

Diese Geschichte aus alttestamentarischer Zeit wirkt sonderbar deplatziert an dieser Stelle.

***

 

Die Geschichte von Dscha'far dem Barmekiden und dem alten Beduinen

Harûn er-Raschîd geht mit Dscha'far, Abu Nuwâs und dem Tischgenossen Abu Jakûb aus. Da entdecken sie in der Steppe einen Alten.

Mittwoch, 13. Februar 2013

393. Nacht

Das Loch in der Anti-Gentrifizierungs-Front

Meine Nachbarschaft ist zugestopft mit Kaufhallen, Supermärkten und Discountern aller Art. Cafés und Restaurants eher weniger, aber Kaufhallen. Dafür hamse wieder Geld, die Treptower. In weniger als 5 Laufminuten erreiche ich:
- zwei Netto
- einen Kaisers
- ein real
- Rewe
- Aldi
- und (dafür braucht man dann schon sieben Minuten) die Biokette LPG
Schon irritierend, als vor wenigen Monaten direkt neben dem Netto auf dem ehemaligen Mauergrundstück die Bagger ankamen und schon bald ein Schild verhieß: „Hier entsteht ihr neuer Edeka!“ Die Graffitisierer sprachen mir aus dem Herzen, als sie dann an die neueröffnete Filiale sprühten: „Kita? Spielplatz? Park? Noch ein Supermarkt! Fuck the system!“
Wem wollten die denn die Kundschaft streitig machen? Mir war klar, ich würde den Edeka, auch wenn er nur bequeme 3 Minuten entfernt lag, boykottieren. Und ich war mir sicher, ich wäre nicht der Einzige. Die Graffiteure hatte ich auf meiner Seite. Am selben Tag hatten sie auch ein in der Karl-Kunger-Straße modernisiertes Haus markiert mit „Privat-Zoo für Reiche“. Ich muss zugeben, dass ich die Aufschrift im zweiten Moment schon nicht mehr verstand. Wenn dieses Haus ein Zoo für Reiche war, wer wurde denn darin gehalten? Die Reichen? Von wem? Von uns? Wer waren die Besucher des Zoos? Wir? Aber ins Haus kam man doch nicht rein. Die Anti-Gentrifizierungsfront hatte noch an der Durchdachtheit ihrer Slogans zu arbeiten.
Der Edeka hatte inzwischen zwei Monate geöffnet. Und ich widerstand der Versuchung nachzuschauen, wie es darinnen aussehen mochte. Ich wählte beim Einkaufen weiterhin zwischen dem billigen Ekel-Netto und den ökokorrekten LPGlern. Ich lege ja schon seit immer etwas mehr hin, um Biofutter zu bekommen, denke aber, dass das manchmal – etwa bei Schnipsgummis oder Bier auch ein wenig zweitrangig ist. Es gibt eben doch ein richtiges Leben im Falschen, hier irrte Adorno. Hunderprozentige Korrektheit gibt es nicht, jeder muss seinen eigenen Kompromiss finden. Und wenn ich Bananen vergessen habe, dann vermeide ich den Umweg zur LPG, und springe eben schnell zu Netto rein, wo man sensuell auf eine böse Probe gestellt wird. Es stinkt nach Verpackungen und Schweiß, der Laden beballert einen mit seiner stechenden Gelb-Orange-Kombi, die Mitarbeiter wurden offenbar aus der Dauerkundschaft gecastet, man bemüht sich um einen freundlichen Umgangston, kann aber die Gehetztheit und, wie mir scheinen will, eine Angst (wovor auch immer) nur schwer verbergen. Hinter der Kasse eine Abstellfläche von einem Achtelquadratmeter, auf die der Kassierer die Lebensmittel in einer Weise abstellt, als wolle er einem sagen: „Beeil dich gefälligst, du Flitzpiepe, und dann sieh zu, dass du hier wegkommst. Ich trete dann immer absichtlich auf meine innere Bremse, denn es gibt nur wenig Schlimmeres fürs innere Gleichgewicht als sich von anderen in Hektik treiben zu lassen. Und leise, während ich Tütchen für Tütchen, Fläschchen für Fläschchen in den Rucksack lege, summe ich leise in mich hinein: „Ich beeile mich nicht. Ich bin es nicht, der hier arbeiten muss.“
Nun begab es sich aber, dass ich dringend Granatapfelsaft benötigte. Fragt nicht warum! Die Zeit war knapp, der nächste Persian-Food-Shop weit und der zwischenmenschliche Druck enorm. Was sollten mir da ein Gelübde über einen Edeka-Boykott, das ich mir nur selber gegeben hatte, und das auch nicht mal bewusst, sondern eher als vage formulierte Idee? Ich versuchte den Gedanken „Ein Supermarkt ist doch wie der andere“ nicht zu denken. Edeka war der Letzte gewesen, der Überflüssigste. Wenn ich jetzt da reinspazierte, müsste es die absolute Ausnahme bleiben.
Bei der Gelegenheit könnte ich noch ein paar Pfandflaschen mitnehmen. Irgendwie hat sich in meinem Kopf der Glaube festgesetzt, dass man den Laden, in dem man die Pfandflaschen abgibt, schädigt. Vielleicht nicht finanziell, aber sie haben den ganzen Aufwand, den Kram hin und herzutransportieren, sich um die Abholung zu kümmern. Ich steckte sie in den Automaten im Vorraum: „Hier, friss! Nimm dies!“ sprach ich, während ich mich wunderte, dass es hier so gar nicht nach Flaschenannahme stank. Rechts neben dem Automaten ein Sammelbehälter für die Pfandbons, die als Spende für zwei soziale Kinderprojekte in unserer Nachbarschaft abgerechnet werden. „Ha! Ihr denkt wohl, auf diese Weise könnt ihr mich ködern!“ Links neben dem Automaten ein Waschbecken! Ich schaute mich um – ja, das war für die Kundschaft gedacht. Nein, auch damit kriegt ihr mich nicht, sagte ich mir, als ich durch die Automatiktür die Halle betrat. Die Halle mit ihren geräumigen Gängen, wo man sich nicht, wenn einem einer mit Einkaufswagen entgegenkommt, zurückweichen oder einen Crash riskieren muss. Die Halle, in der Angestellte ohne zu hetzen mit Augenmaß die Waren einsortierten. Die Halle, in der es eine Ruheecke für Rentner gab und zwei Spielecken für Kinder, und zwar ohne den phantasielosen Plastikdreck, mit dem sonst Kinderecken hingerotzt werden. Zwei Kassiererinnen, auf dem Weg zu ihren Boxen, scherzten leicht miteinander. Jeder hier lächelte. Aber es war nicht das Lächeln, das man etwa von Stewardessen kennt, bei denen man immer vermutet, dass sie am Abend die Klammern hinter den Ohren entfernen müssen, um ihr Gesicht wieder zu entspannen. Es war auch nicht dieses auf Kundenfreundlichkeit getrimmte Diskantgeschnatze aus dem Subways am S Bahnhof Schönhauser Allee, wo einem alle Verkäufer – ob Mann oder Frau – die Ohren vollkeifen: „Soll’s getoastet sein?“ Nicht wie in den Pseudo-Edel-Restaurants in Brandenburg, wo die Kellner in kaum verkautem Berlinerisch andauernd fragen: „Solls noch was sein der Heer?“ Und auch nicht wie die wirklich freundlichen Angestellten der LPG Treptow, die dann doch oft übermüdet wirkten. Diese Leute, das war zu sehen, mochten ihren Beruf, sie mochten ihre Kollegen und sie mochten ihre Kunden. Man nahm es sich sogar heraus, einzelne Kunden zu necken, aber nicht in Bouletten-Olli-Manier, oder im Döner-Ömer-Style, sondern sanft und immer den Ton treffend.
Die Halle. Die Halle, in der ich auch den Granatapfelsaft fand.
Was sollte ich nun mit dieser Halle machen, die ich doch zu boykottieren gedacht hatte? War das nun wieder ein ganz perfider Trick des Kapitalismus, uns an der Nase in der Manege der Globalisierung herumzuführen? Nur weil ich zehn Minuten ohne zu drängeln oder angepöbelt zu werden in Ruhe einkaufen konnte, sollte ich meine Anti-Gentrifizierungs-Prinzipien über den Haufen werfen? Aber muss der Kampf gegen das Böse immer mit Bitterkeit geführt werden? Brecht schrieb: „Auch der Hass gegen das Böse entstellt die Züge.“
Es gibt ein richtiges Leben im falschen. Ich kaufe immer noch selten dort ein. Mal ein laktosefreies Eis, mal ein spezielles Gewürz, Kleinigkeiten eben. Einmal in der Woche esse ich in dem Mini-Café, das sie dort eingerichtet haben und wo Gottseidank keine Musik dudelt, einen Spritzkuchen und mache mir Notizen. Ich weiß nicht, warum der Edeka so funktioniert, wie er funktioniert. Haben sich hier zwanzig alte Kumpel zusammengetan und gesagt: Wir schlagen denen ein Schnippchen und machen alles ganz anders? Vielleicht ist es ja ein Dekret des Konzerns, aber die Freundlichkeit sähe dann sicherlich anders aus. Gekaufte Freundlichkeit wie bei Kaisers. Sicher wäre ja ein Spielplatz an dieser Stelle besser gewesen. Vielleicht, ich wage es kaum zu denken, vielleicht aber ist es auch gut so wie es ist.
 
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393. Nacht
Tatsächlich sucht der Schuldner die Barmekiden el-Fadl und den uns bereits als Wesir Haruns bekannten Dscha'far auf, die sich wiederum an den Kalifen wenden, der dem Said ibn Sâlim el-Bâhili Dreimillionen und dreihunderttausend Dirhems zukommen lässt.
Betrachte diese edle Art, die sich in den Edlen offenbart.
Natürlich. Der unedle Pöbel behält seine Millionen lieber für sich.
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Die Geschichte von der List einer Frau wider ihren Gatten
Ein Mann bringt seiner Frau einen Fisch vom Markt und trägt ihr auf, diesen zuzubereiten, während er sich zum Freitagsgebet begibt. Die Frau wird jedoch unterdessen zu einer Hochzeitsfeier eingeladen, legt den Fisch einstweilen in einen Krug und bleibt eine Woche lang fort, während ihr Mann nach ihr sucht. Als sie zurückkehrt, nimmt sie den Fisch aus dem Krug.
Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann und hielt in ihrer verstatteten Rede an.


Dienstag, 12. Februar 2013

392. Nacht

Ich kann die Faszination der Katholiken für ihre Religion schon verstehen: So viel undurchschaubarer Hokuspokus, unerklärlicher Sinn und Rituale, die ihren Sinn erst dadurch erhalten, dass man auch auf Nachfrage keine nachvollziehbare Antwort bekommt. Man fühlt sich wieder ein wenig wie ein Fünfjähriger, der ein seltsames Märchen in altertümlicher Sprache erzählt bekommt: "Vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, ..."
Und nun ist der Papst abgetreten. Fast ein säkularer Akt. Wir erinnern uns noch an den röchelnden Johannes Paul II., der sich in seinem Todesjahr zu Ostern noch mal ans Fenster gewagt hat, um den Segen zu sprechen zu probieren. Man hörte nur ein Grunzen, und die Welt der Katholiken fand ihn so würdevoll und charismatisch.
Diese Würde konnten sie ihm freilich nur im Nachhinein verleihen. Es gab den sportlichen Karol, den Karol, der im Laufschritt eilen musste, sonst hätte er seine eigene Wahl verpasst, den ersten Papst, der um die Welt düste.
Aber einen röchelnden Benedikt, das wollte Ratzinger weder den Mit-Katholiken noch sich selber antun. Bei ihm hätte man bestenfalls Mitleid empfunden.
Und was wird nun, da der Alte zurückgetreten ist, aus dem Fischerring? Zerbrechen darf man ihn erst nach dem Tod des Papstes, aber darf Ratze ihn behalten? Muss man noch "Papst" zu ihm sagen, so wie man zu Ex-US-Präsidenten auch immer noch "Mr. President" sagen sollte, wenn man einen knietiefes Fettnapf zu vermeiden sucht.
Achso, der Fischerring:

So sah das Teil von Leo XIII. aus.
 
Und so Leo XIII. selber, der erste Papst, von dem es Film- und Audio-Aufnahmen gab.
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392. Nacht
Jahja nimmt die Kunde vom mit dem Gelde fortgelaufenen Bettler leicht:
"Bei Allah, hätte er auch sein ganzes Leben bei mir verweilt, bis ihn der Tod ereilt, ich hätte ihm nie meine Spende entzogen, noch ihn um die Wohltat meiner Gastfreundschaft betrogen." Keine Zahl kann die Vorzüge des Barmekiden umfassen, und ihre Eigenschaften waren so herrlich, dass sie sich nicht beschreiben lassen. (...)
Die Güte fragt ich: Bist du frei? Sie sagte Nein,
Ich muss dem Sohne Châlids, Jahja, Sklavin sin.
Drauf ich: Bist du gekauft? Sie sagte: Das sei fern!
Als seiner Väter Erbe diene ich ihm gern.

Die Geschichte von Mohammed el-Amîn und Dscha'far ibn Mûsa
Dscha'far ibn Mûsa el-Hâdi besitzt eine schöne Lautenspielerin, auf die Mohammed el-Amîn, der Sohn Zubaidas, ein Auge geworfen hatte. Er bittet Dscha'afr, sie ihm zu verkaufen. Dieser erwidert:
"Du weißt, es geziemt sich nicht für Männer meines Ranges Sklavinnen zu verkaufen und um Nebenfrauen zu feilschen. Wäre sie nicht in meinem Hause aufgewachsen, so würde ich sie dir als Geschenk übersenden."
Eines Tages speisen und zechen die beiden zusammen, und die el-Badr el-Kabîr spielt für die beiden. Da macht Mohammed den Dscha'far betrunken und nimmt die Schöne mit sich.
Aber er streckte nicht die Hand nach ihr aus.
Als ob das jetzt noch glaubwürdig wäre.
Als Dscha'far den Besuch erwidert, lässt Mohammed die Sklavin für die beiden spielen. Dscha'far unterdrückt seinen Zorn. Daraufhin belohnt Mohammed el-Amîn seinen Freund, indem er dessen Boot voller Silber, Gold, Rubinen und Juwelen füllen lässt.
Solcherart sind die edlen Taten der Vornehmen - Allah habe sie selig.

Die Geschichte von den Söhnen Jahjas ibn Châlid und Sa'id ibn el-Bâhili
Diese Geschichte wird von Sa'id ibn ek Bâhili selber erzählt.
Als Sa'id einmal in Not gerät, wendet er sich an den Weisen Abdallâh ibn Mâlik el-Chuzâ'i, der ihm rät, sich an die Barmekiden zu wenden.
Von diesem Weisen war bereits in der 306. Nacht die Rede.

Mittwoch, 23. Januar 2013

391. Nacht

Als am nächsten Tag der Wasserträger sich bei der Frau des Goldschmieds entschuldigt, erwidert sie:

"Jene Sünde ging nicht von dir aus, sondern sie ward von meinem Gatten veranlasst, als er seine Tat im Laden beging. Nun hat Allah sie ihm schon vergolten."

Eine seltsame Art magischen Denkens, dass hier, wie so oft in die Religion hineinschwappt, oder von dem die Religion stammen mag: Gleichzeitigkeit muss einen (höheren) Sinn ergeben.

Daraus, so die Erzählerin weiter, sei das Sprichwort entstanden:

"Schlag um Schlag muss man empfahn; hätte ich mehr getan, hätte der Wasserträger auch mehr getan."

Man beachte die trefflichen Reime und das Metrum.

***

 

Die Geschichte von Chosraus und Schirîn und dem Fischer

Chosrau II., der letzte bedeutende Sassanidenkönig leitete mit seiner Fortführung der Kriege gegen Rom den Untergang der Sassaniden-Ära ein, der den Arabern bei ihrem Einmarsch ein paar Jahrzehnte später leichtes Spiel machte. Dennoch wurde er von den Persern weithin verehrt. Für die vorliegende Geschichte ist von Interesse, dass Schirîn Christin war (was hier natürlich nicht erwähnt wird).

Der Fischliebhaber König Chosrau sitzt mit seiner Frau Schirîn zu Tisch, als ihm ein Fischer einen enormen Fisch überreicht. Der König gibt ihm zum Dank viertausend Dirhems, woraufhin Schirîn ihn kritisiert:

"Wenn du hinfort einem deiner Höflinge die gleiche Summe gibst, so wird er sie geringschätzen und sagen: Er hat mir ebensoviel gegeben wie diesem Fischer! Gibst du ihm aber weniger, so wird er sagen: Er schätzt mich gering und hat mir weniger gegeben als dem Fischer!"

Abnehmen können sie das Geld dem Fischer aber auch nicht, also lassen sie ihn zurückholen und stellen ihm eine Falle:

"Ist dieser Fisch männlich oder weiblich?" Der Fischer küsste den Boden und sprach: "Dieser Fisch ist ein Zwitter."

Chosrau lacht über die Antwort und gibt ihm viertausend Dirhem obendrauf. Als der Fischer den Geldsack hinausschleppen will, fällt ihm eine Münze herab, und er macht sich die Mühe, sie aufzulesen. Schirîn stachelt ihren Gatten wieder an:

"Siehst du, wie geizig und gemein dieser Mann ist?"

Aber der Fischer zieht abermals seinen Kopf aus der Schlinge, als er beteuert:

"Ich befürchtete, es könne jemand seinen Fuß darauf setzen, ohne es zu wissen."

Chosrau schenkt ihm viertausend Dirhem obendrauf.

Aber dann ließ er durch einen Herold in seinem Reiche verkünden: Niemand soll sich vom Rate der Frauen leiten lassen; denn wer ihrem Rate folgt, verliert mit seinem einen Dirhem noch zwei andere dazu!

***

 

Die Geschichte von dem Barmekiden Jahja ibn Châlid und dem armen Manne.

Von Jahja ibn Châlid war hier bereits die Rede.

Als Jahja eines Tages das Schloss des Kalifen verlässt, findet er vor seiner Tür einen armen Mann, den er bei sich aufnimmt und dem er täglich eintausend Dirhems schenkt. Nach einem Monat macht sich der Arme aus dem Staub.

Dienstag, 22. Januar 2013

390. Nacht

390. Nacht

Als König Anuscharwân das Mädchen fragt, warum es so lange fortgeblieben sei, antwortet sie, sie hätte zum Auspressen der Stauden dreimal so viel Zeit benötigt, was ein Zeichen dafür sei, dass sich das Glück der Herrscher gewendet habe. Auf Nachfrage des Königs erläutert sie:

"Wir haben von den Weisen gehört, dass, wenn die Gesinnung eines Herrschers sich ändert, ihr Glück aufhört und ihr Gedeihen sich mindert." König Anuscharwân lachte und gab den Plan auf, den er gegen das Dorf gefasst hatte. Dann aber nahm er jene Jungfrau sogleich zum Weibe, da ihr scharfer Verstand, ihre Klugheit und ihre trefflichen Worte ihm gefallen hatten.

Nicht zum ersten Mal erfahren wir hier, dass der Herrscher lacht, wenn er etwas gelernt hat. Freilich nur, wenn es listenreich oder humorvoll geschieht. Die Belehrung erreicht ihn durch die Hintertür des Lachens. Zurechtweisen oder von oben herab belehren ginge ganz und gar nicht.
Außerdem interessant, dass hier unterschieden wird zwischen scharfem Verstand und Klugheit. "Verstand" scheint sich hier auf Logik und List zu beziehen, Klugheit auf Lebensweisheit.

***

Die Geschichte vom Wasserträger und der Frau des Goldschmiedes

Ein Wasserträger in Buchara ["Bochara"] bringt einem Goldschmied seit dreißig Jahren Wasser, dessen Frau

war im ganzen Land als fromm, sittsam und keusch bekannt.

Kann man für Keuschheit im ganzen Lande bekannt sein? Oder nicht eher fürs Gegenteil? Oder ist das der holprigen Übersetzung geschuldet, die auf Teufel komm raus den Reim rüberretten wollte?

Eines Tages jedoch ist der Wasserträger von der Schönheit der Frau überwältigt und streichelte ihre Hand. Irritierenderweise macht sie ihrem Mann Vorwürfe:

"Bei Allah, du hast etwas getan, was den Zorn des Höchsten erregt."

Er gesteht ihr, dass er die Hand einer Kundin, als er ihr das Armband anlegte, an sich presste.

"Ich bereue, was ich getan habe; flehe du zu Allah um Vergebung für mich." doch die Frau sprach: "Allah verzeihe dir und mir und dir und gewähre uns einen guten Ausgang."

Will sie ihrem Mann ein Geständnis entlocken, um dann ein Gegengewicht auf der Waage der Gerechtigkeit zu haben

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Maischberger: Wer talkt ist immer der Dumme.

Seit 8 Monaten zum ersten Mal wieder deutsches Live-Fernsehen geschaut. Eine Maischberger-Talkshow zum Thema Arbeit und Einkommen mit dem Titel "Wer arbeitet, ist der Dumme". 



Und was hat es mir oder irgendeinem Deutschen, der diese Show gesehen hat, gebracht? Wird irgendwer zu irgendeinem Thema seine Meinung geändert haben?
Aus den Talkshow-Schnipseln, die ich hier und da auf Videoplattformen gesehen habe, schließe ich, dass diese Sendungen überhaupt nicht mehr anders ablaufen: Zu viele Gäste, zu wenige qualifizierte Statements.
Wir sehen:
Heinrich Alt, Mitglied im Vorstand der Bundesagentur für Arbeit: Seine Mission in dieser Sendung besteht darin, den Mitarbeitern dieses Apparats hervorragende Arbeit zu bescheinigen und jede Kritik an der Arbeitsweise dieses Monstrums abzubügeln.
Markus Söder, Bayrischer Finanzminister, der sich für die Sendung offenbar dadurch qualifiziert ist, dass er vor ein paar Jahren sich zu Karneval als Punk mit dem extrem originellen und realistischen T-Shirt-Spruch "Haste mal einen Euro" verkleidet hat.
Katja Kipping, Parteivorsitzende der Linken, setzt sich für das bedingungslose Grundeinkommen ein.  Söder fährt ihr immer wieder herablassend über den Mund. Und Kipping kann es leider nur verbal ausgleichen, nicht aber körpersprachlich. Die angezogenen Ellbogen senken ihren Status, sie lässt sich rückwärts ins Sofa plumpsen wie ein Teenager, wenn man sie anspricht, wendet sie sich ab und macht sich Notizen. Und auch ihr geglättetes Sächsisch schmerzt. "Ich fande..."
Ralph Boes überrascht mich zunächst (habe erst 1/2 Stunde nach Beginn der Sendung eingeschaltet). Sein "Brandbrief" und die Aktion "Sanktionshungern" waren an Pathos und Selbstgerechtigkeit kaum zu überbieten. Nun sitzt er ruhig da, und hört einfach nur zu. Der Schneidersitz, den zu thematisieren Söder sich nicht zu blöd ist, verstärkt das in sich Ruhende noch. Er lächelt entspannt. Als Maischberger ihn irgendwann etwas fragt, wird er, nachdem er gerade den zweiten Satz begonnen hat, von vier Leuten gleichzeitig unterbrochen. Das geschieht immer wieder, und als er dann aus der Haut fährt, wird klar, warum er dort im Schneidersitz hockt: Selbstbändigung.
Heidi Ralfs ist Putzfrau, die hauptsächlich Gedanken äußert wie "Das sehe ich nicht ein." und "Warum soll ich hier..., während andere immer nur..."
Gisela Muth, eine Kosmetikproduzentin und, wie ich auf ein paar Websites erfahren kann, "Society-Lady", was wohl soviel bedeutet wie, dass man auf teuren Partys mit wichtigen Leuten fotografiert werden darf, ohne etwas geleistet zu haben. Ihre Funktion in dieser Sendung besteht wahrscheinlich darin, durch ihr geliftetes und aufgespritztes Botox-Monster-Face TV-Zapper in Stocken zu bringen. Thematisch hat sie so viel mit dem Thema zu tun, als dass sie auch Angestellte hat, wie uns Tante Maischberger ins Gedächtnis ruft.
Maischbergers Funktion: Dramatisch gucken, bescheidwisserisch tun, Gesprächsteilnehmer provozieren.

Genügen bei einem solchen Thema nicht drei bis vier Teilnehmer? Personen, die nicht nur ihre persönliche Agenda durchkämpfen, sondern die zuzuhören verstehen, die ihre Argumente mit mehr als nur Emotionalität ("Das muss man doch wohl noch sagen dürfen!" und "Das kann man doch keinem zumuten!") untermauern? Warum nicht zwei Philosophen und zwei Ökonomen zu Worte kommen lassen, die aber nichts mit irgendwelchen Parteien zu tun haben? Aber dann wäre wohl Maischberger überfordert.

Mittwoch, 14. März 2012

389. Nacht

389. Nacht

Und Zubaidas Unschuld war erwiesen. Da frohlockte sie laut über ihre Rechtfertigung und versprach dem Abu Jûsuf reichen Lohn. (...)

Schau, o König, wie trefflich dieser Imam war und wie durch ihn die Unschuld der Herrin Zubaida erwiesen und der grundlose Verdacht aufgeklärt ward!

Nach vielen Nächten erinnert Schehrezâd den Tyrannen mal wieder an die Tugenden der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und der Gnade.

***

Die Geschichte von Abu el-Hasan oder dem erwachten Schläfer

Diese Geschichte findet sich nicht in der Kalkuttaer Ausgabe.

Ein junger Kaufmannssohn verprasst nach des Vaters Tod sein Erbe mit Kaufmannssöhnen und Persern. Als sein Geld schwindet, wenden sie sich ab, und seine Mutter schilt ihn:

Wenn meines Gutes wenig ist, so hilft mir keiner;
Doch wenn mein Gut sich mehrt, ist jedermann mein Freund.
Wie mancher wurd mein Freund nur um des Geldes willen
Und ward zuletzt, als mich das Geld verließ, mein Feind!

Er setzt sich fortan jeden Abend auf die Tigris-Brücke und schwört sich, jeden Abend mit einem Fremden die Nacht zu verbringen, diesen hinfort aber nie wieder zu grüßen oder einzuladen. Eines Tages erscheinen aber Harûn er-Raschîd

und Masrûr, der Träger des Racheschwertes, nach ihrer Gewohnheit verkleidet.

Als der Abend sich dem Ende neigt, fragt der Kalif Abu el-Hasan nach seinem Namen, damit er ihm die Wohltat vergelten könne. Der lehnt aber ab, das habe alles einen Grund

"Was ist das für ein Grund?", fragte der Kalif weiter. Da antwortete der Schalk: "Mit dem Grunde ist ein Schwanz im Bunde!"

Dies erläutert Abu el-Hasan mit einer Geschichte

Die Geschichte vom Strolch und dem Koch

Ein mittelloser Strolch kehrt bei einem Garkoch ein:

"Wäge mir für einen halben Dirhem Fleisch ab, für einen viertel Dirhem Hirsebrei und ebensoviel Brot!"

Als der Strolch alles verspeist hat und nicht weiß, wie er zahlen soll, entdeckt er unter einer Tonschüssel einen frischen Pferdeschwanz, an dem noch Blut träufelt.

Daran erkannte er, dass der Garkoch das Fleisch mit Pferdefleisch fälschte.

Er spaziert seelenruhig aus dem Laden. Der Garkoch ruft um Hilfe, der Strolch behauptet, bezahlt zu haben. Bis die Leute schließlich nach dem Grund fragen.

Nun rief der Landstreicher: "Ja, bei Allah, sie hat einen Grund; und mit dem Grunde ist ein Schwanz im Bunde!"

Der Koch gibt klein bei. Ihm

ward nämlich der Grund durch die Nennung des Schwanzes kund.

*

Der Kalif lacht und freut sich, und nun beginnt Abu el-Hasan seine Geschichte:

"wisse denn, o Beherrscher der Gläubigen..."

Und dies ist nun ein schöner Narrativ-Fehler, denn der Erzähler oder Schehrezâd vergessen, dass Abu el-Hasan den Kalifen wegen der Verkleidung gar nicht erkennt.

Der Kalif ist erfreut und man zecht gemeinsam weiter, und der Kalif fragt Abu el-Hasan, ob er irgendeinen Herzenswunsch habe. Dieser meint, dass er am liebsten den vier Scheichen und dem Imam, die in der Moschee wohnen und sich von seinen Gästen belästigt fühlen,

vierhundert Peitschenhiebe verabfolgen könnte; dann würde ich sie in der Stadt Bagdad herumführen und vor ihnen ausrufen lassen: "Dies ist die Strafe, und zwar die geringste Strafe, für den, der Übles redet und den Menschen feind ist und ihnen ihre Freuden verdirbt!"

In den nächsten Becher Abus bröselt der Kalif kretischen Bendsch, und Abu el-Hasan schläft auf der Stelle ein. Harûn er-Raschîd lässt ihn zum Palast tragen und spielt ihm einen Streich: Er weist alle Bediensteten, einschließlich Dscha'far, an, Abu el-Hasan als Kalifen zu behandeln.

Ein klassisches Erzählmotiv. Wir finden es bekanntlich auch in Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung.
Aus der italienische Filmkomödie Der gezähmte Widerspenstige ging der Ruf "Die Tür! Das Bett! Das Fenster!" in den ostdeutschen Sprachgebrauch ein. Warum in den ostdeutschen? Weil die westdeutsche Synchronisation viel umständlicher (und weiter weg vom lakonischen Original) war. Diese DEFA-Synchronisation kann auf DVD leider nicht kaufen.

Als Abu el-Hasan wieder aufwacht, zweifelt er stark an dem, was ihm alle einzureden versuchen, doch schließlich akzeptiert er die Gegebenheiten und lässt die Scheiche und den Imam wie gewünscht bestrafen. Nachdem er die Emire in den Feierabend entlassen hat, amüsiert er sich mit den Sklavinnen Miska, Tarka und Tuhfa. Der Kalif beobachtet all das amüsiert und befiehlt, ihm in den nächsten Trank wieder Bendsch zu geben.
Am nächsten Tag zweifelt er nun wieder an der Realität und beschimpft seine Mutter, die ihm davon berichtet, dass man ihr hundert Dinare entsandt und die Scheiche gepeitscht habe:

"Ha, du Unglücksalte, du willst mir widersprechen und von mir behaupten, ich sei nicht der Beherrscher der Gläubigen?" (...) Mit diesen Worten erhob er sich wider seine Mutter und schlug sie mit dem Stabe aus Mandelholz, so dass sie rief: "Zu Hilfe, ihr Muslime!"

Man fesselt Abu el-Hasan und führt ihn ins Irrenhaus. Zehn Tage lang erhält er zwei Mal in der Nacht Prügel. Er bereut, und man lässt ihn wieder frei. Nach einem Monat geht er wieder auf die Brücke, und wieder kommen Harûn er-Raschîd und Masrûr vorbei.

Man fragt sich, ob der Kalif nichts anderes zu tun hatte als andauernd spazieren und sich amüsieren zu gehen?

Böse werden sie von Abu el-Hasan begrüßt:

"Kein Willkommen, kein Gruß den bösen Feinden! Ihr seid nichts anderes als Satane!"

Nachdem der Kalif aber mehrmals darauf besteht, kann Abu el-Hasan nicht anders als dem Gebot der Gastfreundschaft zu folgen. Und wieder bröckelt ihm der Kalif Bendsch in den Becher. Als er wieder im Palast erwacht,

rief er: "Es gibt keine Macht und es gibt keine Mächtigkeit außer bei Allah, dem Erhabenen und Allmächtigen! Ich habe Angst vor dem Irrenhaus und vor dem, was ich dort das erste Mal ausgestanden habe; ich weiß jetzt nicht, ob nicht der Satan wieder wie damals zu mir gekommen ist." (...) Er sah auch noch die Spuren der Schläge, die der Aufseher des Irrenhauses ihm versetzt hatte. Er war ganz irre an sich selbst.

Er befiehlt einem jungen Mamluken, ihm ins Ohr zu beißen.

Ich vermute, ein ähnlicher Trick wie bei uns das Sich-selber-Kneifen, um festzustellen, ob man träumt. Tatsächlich habe ich das tatsächlich vor kurzem das erste Mal in einem schönen Traum getan, und die Enttäuschung war groß, als ich keinen Schmerz spürte. Aber wahrscheinlich ist es, so man bei gesundem Verstand ist, ohnehin in einem Traum, wenn man sich schon die Frage stellt, ob man in einem Traum ist.

Der Mamluk beißt nun mit aller Kraft ins Ohr, und da er zudem auch schlecht Arabisch kann versteht er jedes Mal, wenn Abu el-Hasan "Genug!" ruft: "Beiß zu!"

Eine Posse, die sich wohl nur schwer übersetzen ließ, so schwerfällig wird sie hier erzählt.

Abu el-Hasan beginnt nun, nackt zu tanzen, und schließlich tritt der Kalif lachend hinter seinem Versteck hervor und macht ihn zu seinem zehnten Tischgenossen.

Abu el-Hasan aber stand beim Kalifen hoch in Gunst und Vertrauen, höher als alle anderen, so dass er gar bei ihm und bei der Herrin Zubaida bint el-Kasîm sitzen durfte.

So erfahren wir nun auch den vollständigen Namen der Zubaida.

Zubaidas Schatzmeisterin Nuzhat el-Fuâd wird Abu el-Hasans Gemahlin. Und beide hecken einen Streich aus.

Die folgende Story wirkt fast drangehängt. Gutwillig könnte man noch meinen, dass wir es mit einer Retourkutsche gegen den Kalifen zu tun haben.

Zunächst stellt sich Abu el-Hasan tot, und Nuzhat el-Fuâd  erhält zum Trost von ihrer Herrin hundert Dinare und ein Stück Seide. Dann spielen sie das Spiel umgekehrt, und Abu el-Hasan bekommt dasselbe vom Kalifen, und dazu den Trost:

"Sei nicht traurig! Ich will dir eine neue Gefährtin geben."

Ein paar Tage später geraten aber der Kalif und Zubaida in Streit, wer denn nun gestorben sei.

Nun ergrimmte der Kalif, und die Ader des Zornes, die den Haschimiten eigen war, schwoll auf seiner Stirn. (...) "Die Frauen haben wenig Verstand und wenig Glauben."

Ein angebliches Zitat von Mohammed, dass die Muslime gern gegen ihre Frauen verwenden.

Schließlich, als die beiden prüfen wollen, wer den gestorben sei, finden sie sowohl Abu el-Hasan als auch Nuzhat el-Fuâd reglos liegen und streiten nun darüber, wer von den beiden als erstes gestorben sei. Und der Kalif lässt sich hinreißen:

"Wenn einer mir sagt, wer von den beiden vor dem andern gestorben ist, dem will ich tausend Dinare geben."

Abu el-Hasan springt auf und fordert die Goldstücke. Und damit ist wieder alles in Butter.

Ist das Schelmenstück vom vorgetäuschten eigenen Tod eigentlich ein eigenes Sujet? Sowohl bei "Tom Sawyer" als auch bei "Huckleberry Finn" finden wir es einmal als Jungenphantasie, einmal als Jugendabenteuer. Eigentlich gibt man der eigenen Eitelkeit Zucker: Wie sehr wurde ich geliebt? Wenn ich sterbe, also im Moment da alle Verpflichtungen, alle Schulden, alle Pflichten annulliert sind, was bleibt dann von der Liebe übrig? Wie zeigt sie sich in der Trauer der Hinterbliebenen? Dieser ultimative Moment bleibt uns verwehrt. Die Trauer und die Ehrenbezeugung müssen die Hinterbliebenen letztlich unter sich und mit ihrer Erinnerung ausmachen, wenn ihnen nicht gerade die Option zur Verfügung steht, den Verstorbenen sich zuhörend auf einer Wolke vorzustellen.

***

Die Geschichte von dem Kalifen el-Hâkim und dem Kaufmann

Als der Kalif el-Hâkim bi-amri-llâh eines Tages im Prunkzug ausreitet kommt er an einem reichen Garten vorbei und bittet dessen Herren um einen Trunk Wasser.

Da brachte jener Mann hundert Teppiche, hundert Ledermatten und hundert Kissen, ferner hundert Schüsseln mit Früchten, hundert Kelche voll Süßigkeiten und hundert Schalen mit Zuckerscherbett.

Als sich der Kalif darüber erstaunt, antwortet der Mann:

"Das ist mein Mittagsmahl an jedem Tag: ich habe nichts für dich hinzugefügt."

Der Kalif lohnt es ihm reichlich: Er lässt

aus dem Schatzhause alle die Dirhems kommen, die in jenem Jahre geprägt waren; und das waren drei Millionen und siebenhunderttausend. Er saß nicht eher auf, als bis alles herbeigeschafft war; dann gab er es dem Manne mit den Worten: "Verwende dies, wie es deine Lage erfordert; deine Großmut verdiente noch mehr als dies." Dann stieg der Herrscher zu Ross und ritt davon.

Eine etwas seltsame Moral und ein eigenwilliges Verständnis von Großmut: Nicht der, der selbstlos an die Schmerzgrenze geht, wird als großmütig angesehen, sondern der Wohlhabende, der ja auch noch zugibt, dass es ihm keine Umstände bereitet habe. Wobei wir es wahrscheinlich auch mit einem Übersetzungsfehler zu tun haben könnten: Großzügigkeit statt Großmut.
Oder haben wir es mit dem Matthäus-Effekt zu tun ("Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat" Mt 25.29)?

***

Die Geschichte von König Anuscharwân und der jungen Bäuerin

خسروانوشيروان‎ ‎ / Chosrau I.Anuschirwan

Als der König Anuscharwân auf Jagd eine Gazelle verfolgt, erreicht er ein Dorf und bittet eine Bäuerin um einen Trunk Wasser. Diese mischt gepressten Zuckersaft ins Wasser und

schüttete auf das Getränk eine Spezerei, die wie Staub aussah, und überreichte es dem König.

Der trinkt das Wasser und fragt sie anschließend nach dem Staub.

"Ich habe den Staub, der ihn getrübt hat, mit Absicht hineingetan. (...) Weil ich sah, dass du sehr durstig warst, und befürchtete, du könntest den Trunk auf einmal herunterstürzen und er würde dir dann schaden." (...) "Aus wieviel Stauden hast du den Trank gepresst?" "Aus einer einzigen", erwiderte sie.

Darauf beschließt er, die Steuern für jenes Dorf zu erhöhen. Am Abend reitet er wieder zur Jagd, kommt wieder zum Dorf und kehrt wieder ein. Doch diesmal bleibt das Mädchen länger weg bei der Zubereitung des Trankes.

Sonntag, 11. März 2012

387. - 388. Nacht

387. Nacht

In der Nacht, als Mus'ab zu ihr einging, ließ er erst nach der siebenten Umarmung von ihr ab.

Man lobt ihn dafür. Eine andere tadelt Aischa bint Talha dafür, zu stöhnen, sich zu bewegen und regen, wenn er sie nach der Heimkehr umarmt. Sie darauf:

"Eine Frau soll ihrem Mannes alles bringen, was sie vermag, an Erregungen und an wunderbaren Bewegungen." Ich erwiderte: "Es wäre mir lieber, wenn das des Nachts geschieht." Doch sie sagte: "Das ist so bei Tage; bei Nacht tue ich noch mehr. Denn wenn er mich sieht, so wird seine Begierde erregt, und er wird von Verlangen bewegt."

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Die Verse des Abu el Aswad

Abu el-Aswad 387 kauft sich eine schielende Sklavin, und die Leute reden bei ihm schlecht über sie. Er darauf:

Man tadelt sie bei mir; doch ist an ihr kein Tadel,
Nur dass in ihren Augen vielleicht ein Flecken liegt.
Wenn auch in ihren Augen ein Tadel ist, so ziert sie
Ein schlanker Leib, der sich auf schweren Hüften wiegt.

387 Der Dichter Abu el-Aswad ed-Du'ali gilt als Begründer der arabischen Grammatik. Man schreibt ihm auch die Hilfs- und Vokalisierungszeichen zu.

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Die Geschichte von Harûn er-Raschîd und den beiden Sklavinnen

Der Beherrscher der Gläubigen ruht zwischen zwei Sklavinnen aus Kufa und Medina, die ihm Hände und Füße kneten,

so dass seine Ware sich aufrichtete.

Sie streiten anhand überlieferter Propheten-Aussagen darüber, wer darüber nun verfügen dürfe. Die Medinerin zitiert:

"Wenn jemand einen Sterbenden ins Leben zurückruft, so gehört der ihm und seinen Nachkommen."

Die Kufierin:

"Das Wild gehört dem, der es fängt, nicht dem, der es aufstört."

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Die Geschichte von Harûn er-Raschîd und den drei Sklavinnen

Die folgende Geschichte ist im Grunde eine Wiederholung des Motivs, die die vorige zu überbieten sucht.

Diesmal stammen die Sklavinnen aus Mekka, Medina und dem Irak.

Da streckte die Medinerin die Hand nach der Rute aus und brachte sie dazu, dass sie sich erhob.

Die Medinerin rechtfertigt sich mit einer über drei Ecken überlieferten Aussage Mohammeds:

"Wer totes Land lebendig macht, dem gehört es."

Die Mekkanerin zitiert den Spruch aus der vorigen Geschichte:

"Das Wild gehört dem, der es fängt, nicht dem, der es aufstört."
Da stieß die Irakerin beide weg und rief: "Dies gehört mir, bis euer Streit entschieden ist."

Bemerkenswert, dass hier Harûn er-Raschîd überhaupt nichts zu melden hat. Derart derbe wurde in den Erzählungen die Überlieferung der Prophetenaussagen auch nicht verspottet.

***

Die Geschichte vom Müller und seinem Weibe

Ein Müller besitzt einen Esel und eine Mühle. Er liebt sein Weib, das ihn hasst. Sie wiederum liebt den Nachbarn, der sich jedoch von ihr fernhält. Dem Müller wird eines Nachts im Traum verkündet, unter einer Stelle im Geleise des Esels sei ein Schatz vergraben.

*

388. Nacht

Die Frau des Müllers verrät jedoch das Geheimnis an den Nachbarn. Gemeinsam graben sie und finden tatsächlich den Schatz, können sich aus Misstrauen nicht einigen, wie sie ihn aufteilen wollen. Schließlich erschlägt der Nachbar die Müllersfrau, kommt aber nicht mehr dazu, sie zu verbergen, so bleibt sie halb verscharrt in der Schatzgrube.
Am nächsten Tag mahlt der Müller, doch der Esel sträubt sich immer an einer Stelle im Geleise, und so sticht ihn der Müller mit dem Messer, bis er umfällt und stirbt.
Er findet dort nun die Leiche seiner Frau in der Schatzgrube. Frau tot, Esel tot, Schatz fort.

All das geschah nur deshalb, weil er seinem Weibe sein Geheimnis verraten und es nicht für sich behalten hatte.

Seltsam, wie die Geschichte aus einem Beziehungsdrama in eine Kriminalgeschichte und dann in eine bloße Lehr-Anekdote rüberschliddert.

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Die Geschichte von dem Dummkopf und dem Schelm

Zwei Schelme beobachten einen Dummkopf, der mit einem Esel seines Wegs dahingeht. Einer stiehlt den Esel, der andere steckt den eigenen Kopf in die Schlinge. Und als der Dummkopf sich umdreht, erzählt er ihm die Geschichte, seine Mutter habe ihn wegen Ungehorsam und Trunkenheit vor Jahren verflucht und Allah ihn daraufhin in einen Esel verwandelt.

"Heute jedoch hat meine Mutter sich meiner erinnert, und da ihr Herz von Sehnsucht nach mir erfüllt ist, so hat sie für mich gebetet, und Allah hat mich wieder zu einem menschlichen Wesen gemacht, so wie ich es früher war."

Aus Barmherzigkeit lässt ihn der Dummkopf frei:

"Um Gottes willen, mein Bruder, sprich mich von den Sünden frei, die ich an dir begangen habe durch das Reiten und alles andere."

Nach langer Zeit der nichtstuenden Reue begibt sich der Dummkopf zum Markt, um sich einen neuen Esel zu kaufen. Zufällig steht sein eigener wieder zum Verkauf. Er flüstert ihm ins Ohr:

"Weh dir, Unseliger, du bist wohl, wieder trunken nach Hause gekommen und hast deine Mutter geschlagen! Aber, bei Allah, ich kaufe dich nie wieder!"

Eine Anekdote, die mir bekannt vorkommt. Haben wir sie mal im Schul-Unterricht behandelt?

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Die Geschichte von dem Kadi Abu Jûsuf und der Herrin Zubaida

Harûn er-Raschîd findet auf seinem Ruhelager ein

frisches Gerinnsel

und verdächtigt seine Hauptfrau Zubaida des Ehebruchs. Kadi Abu Jûsuf soll es richten. Der entdeckt ein Fledermausnest an der Decke:

"O Beherrscher der Gläubigen, die Fledermaus hat die gleiche Flüssigkeit wie der Mensch; dies da ist die Flüssigkeit einer Fledermaus."

Mittwoch, 7. März 2012

382. - 386. Nacht

382. Nacht

Abu Nuwâs vergnügt sich mit den Knaben bei Wein und Gesang.

Als aber die Trunkenheit den Abu Nuwâs übermannte, und er den Unterschied zwischen Hand und Haupt nicht mehr kannte, drang er mit Kuss und Umarmung auf die Jünglinge ein, legte Bein auf Bein hatte für Sünde und Scham keine Sinn und sprach diese Verse vor sich hin:

Vollkommne Freude bringet nur ein Jüngling,
Der trinkt in schöner Zeitgenossen Kreis.
Der eine singt ein Lied, der andre grüßt ihn.
Wenn er ihn mit dem Becher zu erquicken weiß.
Und hat er dann nach einem Kuss Verlangen,
So reicht ihm jener seine Lippe dar.
Gott segne sie! Schön war mein Tag bei ihnen;
Ein Wunder ist's, wie er so herrlich war!
Nun lasst uns trinken, ob gemischt, ob rein.
Und wer da schläft, soll unsre Beute sein.

Für einen im Trunkesrausch Delirierenden improvisiert er doch noch recht flotte Verse.

Plötzlich tritt jedoch Kalif Harûn er-Raschîd hinzu, der am nächsten Tag seinem Schwertträger Masrûr befiehlt,

er solle dem Abu Nuwâs die Kleider herunterreißen, ihm den Packsattel eines Esels auf den Rücken binden, einen Halfter um seinen Kopf und einen Schwanzriemen um sein Gesäß legen und ihn so umherführen in den Gemächern der Sklavinnen.

*

383. Nacht

Der Kalif befiehlt außerdem, Abu Nuwâs anschließend das Haupt abzuschlagen.

Abu Nuwâs aber machte überall Scherze, und jeder, der ihn sah, gab ihm etwas Geld, so dass er mit vollen Taschen zurückkehrte.

Als Dscha'far der Barmekide hinzutritt und ihn fragt, was das soll, entgegnet er:

"Ich habe nichts verbrochen; ich habe nur unserem Herrn und Kalifen meine schönsten Verse als Geschenk dargebracht, und da hat er mir sein schönstes Gewand geschenkt."

Der Kalif lacht, begnadigt ihn zahlt ihm zehntausend Dinar aus.

Klassische Narrenfreiheit. Dem Dichter und Narren wird nur deshalb vergeben, weil er diese Narrenfreiheit auch bis ans Äußerste ausnutzt. Täte er es nicht, wäre er tot.

***

Die Geschichte von Abdallâh ibn Ma'mar und dem Manne aus Basra mit seiner Sklavin

Ein Mann aus Basra kauft eine junge Sklavin, die er erziehen und unterrichten lässt.

Er hing an ihr in leidenschaftlicher Liebe.

Aber als ihn die Armut bedrückt, meint sie zu ihm:

"Mein Gebieter, verkauf mich!"

Der Emir von Basra Abdallâh ibn Ma'mar kauft sie für fünfhundert Dinare, doch als er die Sklavin seufzend dichten hört,

rief er aus: "Bei Allah, ich will nicht zu eurer Trennung behilflich sein; denn ich weiß nun, dass ihr einander lieb habt. So nimm das Geld und die Sklavin, o Mann, und Allah gesegne dir beides!"
(...)
Und sie sind immerdar beieinander geblieben, bis der Tod sie geschieden hat - Preis sei Ihm, dem der Tod nicht naht!

Anscheinend nur eine Anekdote, um den Emir zu preisen.

***

Die Geschichte der Liebenden aus dem Stamme der Udhra

Ein Mann aus dem Stamme der Udhra verliebt sich unsterblich in eine Frau aus seinem Stamme, die ihn aber spröd zurückweist.

*

384. Nacht

Er verweigert die Nahrung, bis er im Sterben liegt. Erst dann besucht sie ihn.

"Hätte ich das gewusst, so hätte ich mich deiner Not angenommen und wäre nach deinem Wunsche zu dir gekommen."

Er stirbt nach dem Rezitieren:

Sie nahte sich, als schon der Tod uns beide trennte,
Und sie versprach Erhörung, als es nutzlos war.

Sie weint, fällt in Ohnmacht und stirbt drei Tage später,

und wurde in seinem Grabe bestattet.

***

Die Geschichte des Wesirs von Jemen und seines jungen Bruders

Der Wesir von Jemen, Badr ed-Dîn, hat einen schönen Bruder, den er behütet, allerdings verliebt sich der Scheich, der ihn unterrichtet, in ihn.
Die beiden verabreden sich eines Nachts heimlich, und der Scheich trinkt, schmust und singt mit dem schönen Jüngling. Der Wesir spürt sie schließlich auf, und als der Scheich ihn erspäht, singt er ihm zu

Er gab mir den Wein seiner Lippen zu trinken;
Mit Zierde des Wangenflaums trank er mir zu.
Und Wange an Wange, in meiner Umarmung,
Ging heute der Schönste der Menschen zur Ruh.
Der leuchtende Vollmond schein auf uns hernieder;
Nun bittet ihn: Sag es dem Bruder nicht wieder.

Die Güte des Herrn Badr ed-Dîn aber zeigte sich dadurch, dass er, als er diese Verse vernahm, ausrief: "Bei Allah, ich will euch nicht verraten!", und fortging, indem er die beiden ihren Freuden überließ.

***

Die Geschichte von dem Liebespaar in der Schule

Ein freier Jüngling und eine junge Sklavin besuchten einst die gleiche Schule; und der Jüngling wurde von der Liebe zu dem Mädchen ergriffen.

*

385. Nacht

Er schreibt ihr diese Verse:

Was sagst du nur von dem, der übergroße Liebe
Zu dir so krank gemacht, dass er ganz ratlos ist?
Es klagt das Leiden nun, in Sehnsucht und in Schmerzen;
Er kann nicht mehr verbergen, was ihm das Herz zerfrisst.

Sie antwortet ihm auf der selben Tafel darunter:

Wenn wir den, der da liebt, in seinem schweren Leid
Der Liebe schaun, so sei ihm unsre Huld geweiht.
Er soll den Liebeswunsch bei uns erfüllet sehn;
Und was geschehen soll, das möge dann geschehn!

Sowohl der Lehrer als auch der Herr der Sklavin finden ermutigende Verse. So schreibt letzterer:

Euch trenne Allah nie in eurem Leben;
Und wer euch feind ist, soll im Elend untergehn!
Jedoch der Lehrer ist, bei Gott, der größte Kuppler,
den meine Augen je in dieser Welt gesehn.

Er lässt den Kadi die Eheurkunde für die beiden schreiben, und das war's.

***

Die Geschichte von el-Mutalammis und seine Weibe Umaima

Der Dichter el-Mutalammis flieht eines Tages vor der Tyrannei des en-Nu'man ibn el-Mundhir und muss dabei seine Gattin Umaima zurücklassen.
Nach einer Weile verheiratet man sie gegen ihren Willen, gerade an dem Tag als el-Mutalammis wieder zurückkehrt. Als sie unterm Baldachin traurig Verse über ihren verlorengegangenen Gatten rezitiert, ruft dieser zurück:

Ganz nah bei dir ihm Hause, o Umaima, wisse:
An jedem Halteplatz dacht ich in Treuen dein.

Der Bräutigam lässt dem anderen den Vortritt, natürlich in Bezug auf dessen Verse reimend:

Ich war im Glück; doch jetzo hat es sich gewendet;
Ein gastlich Haus und Raum schließt nun euch beide ein.

So verließ er die beiden und ging davon.

***

Die Geschichte von dem Kalifen Harûn er-Raschîd und der Herrin Zubaida im Bade

Harûn er-Raschîd lässt seiner Gattin einen Lustgarten mit einem baumumwachsenen Teich anlegen.

*

386. Nacht

Eines Tages, badet sie sich darin.

Sie blieb im Wasser, das nicht tief genug war, um den, der in ihm stand, ganz zu bedecken, aufrecht stehen, schöpfte mit einer Kanne aus reinem Silber und goss es über ihren Leib.

Der Kalif, als er hört, dass sie ein Bad nimmt, begibt sich zum Teich, um sie zu beobachten. Sie bemerkt ihn.

Aber aus Scham vor ihm legte sie ihre Hände auf ihren Schoß; freilich konnte sie ihn nicht ganz bedecken, da er so rund und groß war.

Wie bitte? Schwierig, etwas über derartige Schönheits-Ideale bei Google zu finden, ohne auf einschlägigen Seiten zu landen.

Der Kalif beginnt zu dichten:

Mein Aug erblickte, was mich traurig macht;
Und durch die Trennung ward mein Leid erfacht...

Allerdings kommt er mit seiner Dichtung nicht weiter und bitte also den Dichter Abu Nuwâs, das Gedicht zu vollenden.

Der natürlich wieder einmal vor das Problem gestellt wird, etwas Ungesehenes zu beschreiben und das Vermutete nicht benennen zu dürfen.

Er fährt also fort:

... von der Gazelle, die mich ganz bestrickt,
Als ich im Lotusschatten sie erblickt.
Und Wasser floss auf ihren Schoß, so klar,
aus einer Kanne, die von Silber war.
Als sie mich sah, da hat sie ihn bedeckt;
Doch ihre Hand hat ihn nicht ganz versteckt.
O könnte ich doch glücklich bei ihr sein,
Ein Stündlein oder auch zwei Stündelein.

Da lächelte der Kalif über seine Worte und machte ihm ein Geschenk; der Dichter aber ging erfreut von dannen.

***

Die Geschichte von Harûn er-Raschîd und den drei Dichtern

Wir beginnen klassisch:

Eines Nachts ward der Beherrscher der Gläubigen Harûn er-Raschîd von großer Unruhe geplagt.
Er begegnet einer betrunkenen Sklavin, deren Kleidung sich löst.

Er bat sie um ihre Liebesgunst; aber sie erwiderte ihm: "Lass mir bis morgen abend Zeit, o Beherrscher der Gläubigen! Ich bin nicht auf dich vorbereitet."

Als er sie am nächsten Tag zu sich bittet, lässt sie ihm ausrichten:

"Der helle Tag verwischt das Wort der Nacht."

Das ist nun aber wirklich beeindruckend: Die Sklavin kann den Wunsch des Beherrschers der Gläubigen abschlagen?

Drei Dichtern befiehlt er, daraus etwas zu dichten: er-Rakâschi, Abu Mus'ab und Abu Nuwâs.

Hier finden wir den Spruch: Ein Fluch von Abu Nuwâs in der Hölle enthält mehr Poesie als ein Lobspruch von er-Rakâschi im Himmel.

Nachdem sie ihre Arbeit getan haben, befiehlt der Kalif, den ersten beiden ein Geschenk zu machen, aber Abu Nuwâs den Kopf abzuschlagen, da er vermutet, der sei am Abend davor dabei gewesen. Der verteidigt sich, er habe den Inhalt nur aus dem Gesagten des Kalifen zusammengesetzt.

"Allah der Erhabene, der von allen die lauterste Wahrheit spricht, hat gesagt: Und den Dichtern folgen die Irrenden nach. Siehst du nicht, wie sie in jedem Wadi verstört umherlaufen, und wie sie reden, was sie nicht tun?"

Koran, Sure 26

Abu en-Nuwâs

Daraufhin lässt Harûn er-Raschîd ihm zwanzigtausend Dirhems auszahlen.

Die Impulsivität des Kalifen lässt ihn einem richtig ans Herz wachsen.

***

Die Geschichte von Mus'ab ibn ez-Zubair und Aischa bint Talha

Mus'ab ibn ez-Zubair verliebt sich in Aischa bint Talha.

Mus'ab ibn ez-Zubair war Heerführer des Gegenkalifen Abdallah ibn az-Zubair

Azza in Medina berichtet ihm:

"Ihr Antlitz ist schöner als die Gesundheit; sie hat große Augen und darunter eine Adlernase, glatte und runde Wangen und einen Mund gleich einer Blüte des Granatapfels. Ihr Hals gleicht einer silbernen Kanne, und darunter ist der Busen mit zwei Brüstlein, die wie ein Paar von Granatäpfeln sind; und weiter darunter hat sie einen schlanken Leib mit einem Nabel, der einem Elfenbeinbüchslein gleicht; Hüften hat sie wie zwei Sandhügel, und ihre Waden gleichen zwei Säulen aus Alabaster; doch ich sah, dass ihre Füße groß sind. Du wirst bei ihr die Zeit der Not vergessen." Nachdem Azza ihm Aischa mit solchen Worten beschrieben hatte, nahm Mus'ab sie zur Frau und ging zu ihr ein.

Sonntag, 4. März 2012

379. - 381. Nacht

379. Nacht

Die beiden Wesire der Könige Schâmich und Dirbâs ziehen nun gemeinsam los, um Uns el-Wudschûd zu suchen. Als sie die Insel Dschebel eth-Thekla erreichen, erklärt ihm Ibrahim, hier habe sich dereinst eine Dämonin niedergelassen, um mit ihrem menschlichen Liebhaber in Ruhe leben zu können. Wenn Seefahrer vorbeiführen, hörten sie das Wehklagen der Kinder. Der Eunuch öffnet dem Wesir das Schloss, und dieser erkundigt sich nach dem geistesentrückten Derwischmann im Hof, der natürlich kein geringerer ist als der gesuchte Uns el-Wudschûd. Wesir Ibrahim macht sich auf die Suche nach seiner Tochter, findet sie aber nicht und weint.

Wie er sich nun umwandte, sah er dort zwei Vögel, einen Raben und eine Eule; und da er ein böses Vorzeichen erkannte, begann er, in Seufzer auszubrechen.

Die Wesire geben nun die Suche auf, und in Erwartung seiner Entlassung zieht der Wesir des Königs Dirbâs  zurück und nimmt den mutmaßlichen entrückten Derwisch als Glücksbringer mit.

*

380. Nacht

Uns el-Wudschûd erwacht auf dem Maultierrücken, ohne zu wissen, wo er ist. Der Wesir lässt ihn mit Zuckerscherbett und Rosenwasser aufpäppeln.
Als sie sich der Stadt nähern, wagt der Wesir nicht, sie zu betreten; doch Uns el-Wudschûd antwortet ihm:

"Fürchte dich nicht! Geh zum König und nimm mich mit dir; ich bürge dafür, dass Uns el-Wudschûd kommt."

Als er vor den König geführt wird und dieser ihn fragt, wo Uns el-Wudschûd weilt:

"An einer Stätte, die sehr nah ist."

Uns el-Wudschûd bleibt geheimnisvoll und lässt sich gut einkleiden, erst dann gibt er sich per Gedicht zu erkennen. Die beiden heiraten, und König Schâmich wird darüber informiert und antwortet:

"Dieweil die Eheurkunde bei dir vollzogen ist, geziemt es sich, dass die Hochzeit und Brautnacht bei mir gefeiert werden."

Die Karawane zieht nach Ispahan und

dann ging Uns el-Wudschûd zu El-Ward fil-Akmâm ein und umarmte sie.

Sie rezitieren und weinen,

umarmten sich von neuem, und so blieben sie eng umschlungen, bis sie ohnmächtig niedersanken.

*

381. Nacht

Es wird sieben Tage lang gefeiert. Und am siebenten Tag verteilten sie

Gaben an das Volk, Geld und Kleider, und machten reiche Geschenke. Darauf gab El-Ward fil-Akmâm den Befehl, ihr Bad zu räumen, und sie sprach zu Uns el-Wudschûd: "Du mein Augentrost, es verlangt mich, dich im Bade zu sehen; und wir wollen dort ganz allein sein.

Du der seit alter Zeit mein Herz gewann -
Das Alte geht im Neuen nicht verloren.
O du, der mein Alles in der Welt,
Ich habe keine Freund als dich erkoren.
Komm mit ins Bad, o du mein Augenlicht;
Lass uns den Himmel in der Hölle sehen!
Wir lassen Aloe und Nadd erglühen,
Bis uns die Düfte überall umwehen.
Verziehen sei dem Schicksal alle Huld!
Ich rufe dann, seh ich dich dort vor mir:
Glückauf, mein Lieb, und Segen sei mit dir!

Die Hölle steht als Bild fürs Feuer unterm Bad. Nadd ist eine Mischung aus Ambra, Moschus und Aloe. Wenn jemand aus dem Bad kommt, segnet man ihn.

***

Die Geschichte von Abu Nuwâs mit den drei Knaben und dem Kalifen

Abu Nuwâs allein daheim rüstet zu einem Gastmahl und lädt sich drei Knaben ein, die er zufällig auf der Straße trifft,

noch frei von Bärten, so schön, als wären sie Knaben aus den Paradiesesgärten; ihre Farben waren von verschiedener Art, doch ihre Reize waren gleichmäßig zart. An ihren biegsamen Gestalten wurden Hoffnungen entzündet, so wie ein Dichter von ihnen kündet.

Abu Nuwâs lockt sie mit Versen:

Kommt her zu mir, und geht zu keinem andern!
Mein Haus ist voll von feinstem Proviant.
Ich habe alten Wein von klarer Farbe,
Gekeltert von des Klostermönches Hand.
Auch hab ich feines Fleisch vom jungen Lamme
Und vielerlei Geflügel, das da fleugt.
So esst davon und trinket von dem Weine,
Dem alten, der die Sorgen uns verscheucht!
Vergnüget euch dann einer an dem andern,
Und lasst auch mich in eurem Kreise wandern!

Weil nun die Jünglinge von seinen Versen bezaubert waren, so entschlossen sie sich, seinem Wunsch zu willfahren.

Samstag, 3. März 2012

376.-378. Nacht

376. Nacht
Uns el-Wurdschûd entdeckt die Käfige mit den Vögeln, die
darin sangen und priesen den Herrn.
Vor dem Käfig der Turteltaube, der Ringeltaube, der Spottdrossel, der Nachtigall und der wilden Taube beginnt er zu weinen, als er ihre Äußerungen vernimmt. Er rezitiert auf die Schnelle ein paar Verse und fällt hier und da in Ohnmacht.
*
377. Nacht
Aber die Waldtaube gurrt,
bis schließlich ihr Gurren wie menschliche Rede erklang:
O du, der Liebe Knecht, du hast mich jetzt erinnert
An jene Zeit, da mir die Kraft der Jugend schwand,
Und den geliebten Freund; von Wuchse war er herrlich,
Und seine Schönheit verwirrte den Verstand.
Ach, wenn er in den Zweigen dort auf dem Hügel gurrte,
Dann galt die traute Stimme mir mehr als die Schalmei.
Allein der Vogler stellte ein Netz, und der Gefangne
Hub an und klagte laut: O, ließ er mich doch frei!
Ich hoffte wohl, er sei ein Mann der milden Sinnes
Beim Anblick meiner Liebe mit mir Erbarmen kennt.
Doch möge Gott den Mann erschlagen, da er grausam
Von dem geliebten Wesen auf ewig mich getrennt!
Nun wird in mir die Sehnsucht nach ihm noch immer größer.
Mich hat der Trennungsschmerz mit Feuersglut durchwühlt.
O Gott, behüte jeden, der fest in seiner Treue
Mit seiner Liebe ringt und meinen Kummer fühlt!
Und sieht er mich gefangen hier in dem Käfig mein,
So mög er für den Freund aus Mitleid mich befrein!
Der Eunuch verrät, dass der Wesir das Schloss für seine Tochter hat bauen lassen.
"Nur einmal im Jahr öffnen wir die Burg, wenn Vorräte für uns kommen." Da sprach Uns el-Wurdschûd in seiner Seele: "Jetzt habe ich mein Ziel erreicht; doch ich muss noch lange warten."
In ihrer Trauer verweigert indessen El-Ward fil-Akmâm Nahrung und Trank. Stattdessen dichtet sie. Und schließlich, bis sie den Erdboden erreichte; sie trug aber die prächtigsten Gewänder, die sie besaß, und um ihren Hals lag eine Kette aus Edelsteinen.
stieg sie zur Dachterrasse des Schlosses hinauf, nahm einige Kleider aus Baalbeker-Stoffen, band sich damit fest und ließ sich hinab.
Gemeint ist wohl: reißfestes Leinen.
Dann wandert sie durch die Einöde, bis sie ans Meer kommt, wo sie einen Fischer trifft, den sie bittet, sie mit fortzunehmen. Auf gut Glück vertrauen sie sich dem Meer an. Und nach drei Tagen gelangten sie
zu einer Stadt am Meeresufer.
*
378. Nacht
Von seinem Fenster aus entdeckt der König der Stadt, Dirbâs, die im Boot schlafende El-Ward fil-Akmâm,
die so schön war wie der Vollmond am Himmelsrande; an ihren Ohren hingen Geschmeide aus kostbaren Ballasrubinen, während um ihren Hals Juwelenketten herrlich schienen. (...)
"Ich bin die Tochter Ibrahims, des Wesirs von König Schâmich."
So erfahren wir nun auch den Namen des Königs, der bisher immer nur "Soundso" genannt wird.
Dirbâs schickt nun seinen Wesir mit einem ungeheuren Schatz zu König Schâmich, um ihn zu bitten, den Untertan Uns el-Wurdschûd zu senden, damit sich El-Ward fil-Akmâm vor Ort vermählen könne. Den Inhalt des Briefes, in welchem Dirbâs behauptet, es ginge um die Vermählung der eigenen Tochter, kennt der Wesir nicht. Der König droht dem Wesir, ihn seines Amtes zu entheben, wenn er ohne Uns el-Wurdschûd zurückkehre.
Schâmich weint beim Lesen des Briefs und lässt nach Uns el-Wurdschûd suchen, von dem man nun feststellt, dass er seit einem Jahr verschwunden ist.
Das ist seltsam, da es doch hieß, dass Schâmich "große Zuneigung" zu Uns el-Wurdschûd spüre.
Schließlich schickt Schâmich seinen eigenen Wesir mit auf die Suche.

Freitag, 2. März 2012

370.-375. Nacht

Der Wohnungsumbau geht in die zweite Phase, im Volksmund auch Nestbau genannt. Und wieder einmal zeigt sich, dass all die Rumschieberei von millimetergenau ausgeschnittenen Schnipseln im Wohnungsmodell überhaupt nichts bringt, weil einem erst wenn sie nebeneinanderstehen klar wird, dass das Billy-Birke-Regal und die alte Nussbaum-Büchervitrine nicht zueinander passen. Die Couch vor dem Esstisch ebenfalls nicht. Und die Gattin darf nicht mit anpacken, da der Fötus sonst gestört werden könnte. Dabei ist das Leben ist kein Ponyhof, das sollte er jetzt schon lernen. Gibt's diese bescheuerte Redensart auch für Jungen? Was der Ponyhof für die Mädchen, ist World of Warcraft für die Buben. Das reimt sich nicht einmal. Das Leben ist kein World of Warcraft? Das Leben ist keine Welt des Kriegshandwerks? Dabei ist doch genau das gemeint: Das Leben ist kein Ponyhof, sondern eine Welt des Kriegshandwerks. Oder wie James Brown einst sang: "This is a mahahan's world!" Die Wohnung sieht aus wie nach einem Einbruch der Hell's Angels. Und während ich die Bücher doch wieder alphabetisch einsortiere statt nach den Prinzipien Farbe oder Reihenfolge des Lesens frage ich mich, ob ich jemals die Bobrowski-Erzählung "Litauische Claviere", den Feuchtwanger-Roman "Die Jüdin von Toledo" anfangen oder das völlig zerschrotete Exemplar von Plenzdorfs "Die Legende von Paul und Paula" zu Ende lesen werde, das ich an der Stelle unterbrochen habe, wo der Film endet, also zur Hälfte. Die Bank, die ich mir schön zum Schreiben an den Tisch gestellt habe, ist inzwischen völlig verbaut. Trotzdem gelingt es mir, mich über die Stapel aus Büchern, Klamotten, Holzleim, Tüten, Haufen mit Ich-weiß-nicht-was, einem sensiblen Kaktus und Erdnussflips zu kämpfen, wobei ich hier und da etwas abbreche, Flüssigkeiten verschütte, die Verstrebungen der Bank zerbreche und am Ende meinen Kugelschreiber vergesse. Ich fühle mich wie Elvis kurz bevor er seinen Fernseher erschoss. In einer Verfilmung wird fiktionalisiert, der König des Rock hätte damals draufgehalten, weil man schlecht über ihn berichtet habe. Ich glaube aber, er habe seine eigene Fernsehsucht erschießen wollen, und mit ihr gleich seine Fresssucht, seine Medikamentensucht, seine Unfähigkeit, dem Leben noch Sinn abzutrotzen. Tick-tick-tick! Der 28. Februar neigt sich seinem Ende zu. Heute Nacht wird die Uhr 24 zurückgestellt. Warum brauchen wir einen 29. Februar, wenn wir den 28. zwei Mal erleben könnten. Bei der Sommerzeit-Umstellung ist das doch auch kein Problem. Die Am-29.-Februar-Geburtstag-Habenden taten mir sowieso immer leid. Sie taten mir auf jeden Fall leider als die 24.-Dezember-Kinder oder die 1.-Januar-Kinder. Erster Januar?, fragt sich vielleicht jetzt die Leserin? Ja, am 1. Januar ist der Feier-Drops gelutscht. Auf den Straßen riecht‘s nach Schießpulver, und Schneematsch, Hundemist und abgebrannte Silvesterraketen zeugen von der Traurigkeit dessen, was nach einer Feier verbleibt. Am 1. Januar wird die Brause-Aspirin getrunken, auf Sekt hat nun keiner mehr Appetit, mit Ausnahme der Sekt-Alkoholikerinnen, die an Neujahrskindergeburtstagen die einzigen Gäste sind. Hinter Sekt lässt sich der Alkoholismus am elegantesten verbergen. Sekt signalisiert: Ich trinke ja nur ein Gläschen, wenn's was zu feiern gibt. Aber zu feiern gibt's immer was, wie der Russe weiß: Jeshednewno prasdnik! Der Russe, der den Sekt übrigens Schampanskoje nennt und auch in Zeiten, in denen Fernreisen nichts besonderes mehr sind, Freunde und Verwandte mit Sekt zum Bahnhof bringt oder von dort abholt. Wenn wir alle vier Jahre zwei Mal den 28. Februar zählten, würde sich die Zahl der Depressionen bei den am 29. Februar geborenen reduzieren, da es eben bald keine am 29. Februar geborenen mehr gäbe. Dafür mehr Freude bei den 28.-Februar-Kindern, die ihren Geburtstag zwei Mal feiern dürften: Doppelt so viele Geschenke, doppelt so viele Kuchen und Luftballons, doppelt so viele "Hoch sollse leben!", ein Lied, das leider vom unsäglichen Häppi-Börsdeh überrannt wurde. Ich kenne niemanden, der am 29.2. Geburtstag hat. Nicht einmal einer meiner Facebook-Friends. Ich habe zurzeit 666 Freunde. Ein 29.2. kommt alle 1460 Tage. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer meiner Freunde am 29.2. Geburtstag hat? Mir fällt die Berechnung gerade nicht ein, außer dass es nicht 666 dividiert durch 1460 sein kann. Hilft es meinem Karma, diese Zahl schnell zu ändern? Den 666. Friend zu entfernen oder wahllos jemand anderen hinzufügen. Irgendjemand von den "Ich-hab-dich-bei-der-Lesung-gesehen-du-kennst-mich-nicht-aber-egal"-Anfragen? Oder soll ich der Nummer 666 Hörner anmalen und sie künftig meiden? Stattdessen werden die riesigen Pappeln in unserem Hof abgeholzt, damit dort ein Kindergefängnis für die Eigentumswohnungsbesitzer-Kinder gebaut werden kann. Ich fordere eine Frauenquote für den Holzfällerberuf. Die Linken haben aus Gründen der Frauenquote und des Antifaschismus Beate Klarsfeld fürs Bundespräsidenten-Amt nominiert, weil sie Kiesinger geohrfeigt und Nazis "gejagt" hat. Sie lebt seit 1960 in Paris. Vielleicht keine schlechte Idee - man müsste eben die Gesetzestexte nicht mehr ins Bellevue, sondern in die Rue la Boétie chauffieren. Im Gegensatz zum Stadtschreiber von Charlottenburg könnte sie sich ja aussuchen, wo sie wohnen wollte. Die Politik würde sich vielleicht etwas beruhigen. Aber dann - warum nicht gleich einen Politiker, der in Sambia lebt, oder in der Antarktis. Am besten aber - auf dem Mond.

**

370. Nacht

Dass sich die Prinzessin schon einigermaßen erholt zeigt, freut den griechischen König sehr. Und so willigt er ein, sie zum Ebenholzpferd zu führen, damit der prinz

dort den Teufel austreibe.

Vom Prinzen erfahren wir übrigens in einem Nebensatz, dass er

noch immer als Arzt gekleidet war.

Wir haben nie vorher gehört, woher er diese Kleidung erhalten habe, noch dass er mit dieser gewandert sei.

Die beiden heben ab,

und die Krieger starrten ihnen nach, bis er ihren Blicken entschwand. Der König wartete einen halben Tag lang. (...) Schließlich gab er die Hoffnung auf.

Es wäre freilich noch interessant zu wissen, welcher "König" das gewesen sein mochte. Da der Prinz an einer Stelle meint, Sassanidenprinz zu sein, wäre es durchaus möglich, dass wir es mit dem byzantinischen Reich zu tun haben. "Griechenland" also für "Christen" steht.
Der Prinz kümmert sich offenbar auch nicht darum, dass der "Weise" noch lebt, den der griechische König auf den Perser hetzen könnte.

In seiner Heimatstadt angekommen bereitet er

große Festmahle für das Volk der Stadt.

Bereitete er sie allein?

*

371. Nacht

Sein Vater aber zerbrach das Ebenholzpferd.

Seinem Schwiegervater im Jemen sendet der Prinz jährlich Geschenke und besteigt, als sein Vater stirbt, den Thron.

***

Die Geschichte von Uns el-Wudschûd und El-Ward Fil-Akmâm

Die Namen der 1001 Nächte tragen nur wenig zu unserer Namensfindung bei. Unsere Freunde und Verwandten würden wohl aufstöhnen, wenn wir unseren Sohn "Uns" nennen würden. Klingt ein wenig nach " Uns Uwe".

Die Tochter des Wesirs Ibrahim nennt sich El-Ward Fil-Akmâm. Sie ist schön;

doch liebte sie die Gelage und den Wein.

Beim jährlichen Schlagball-Spiel erscheint auch ein Jüngling namens Uns el-Wudschûd, und die beiden verlieben sich mit Blicken.
Die Wesirstochter improvisiert ein Gedicht, das sie auch zu Papier bringt und in dem es heißt:

Ja, du bist einzigartig unter allen Menschen;
"Du bist der Schönheit Herr", ist aller Zeugen Ruf.
Und deine Braue gleicht einem Nûn, dem schön geschriebenen;
Dem Sâd dein Augenstern, den der Allgüt'ge schuf.

Nûn:ن
Sâd: ص

Das Blatt hüllt sie

in ein Stück goldgestickter Seide und legte es unter ein Kissen.

Eine Kammerfrau entdeckt es und bietet ihr an, Liebesbotin zu spielen.

*

372. Nacht

Leider verliert die Kammerfrau eines Nachts einen der Briefe. Dieser wird von einem Eunuchen gefunden, der ihn dem Wesir übergibt, welcher

so bitterlich weinte, dass sein Bart von den Tränen benetzt ward.

Seine Gemahlin indes

hielt ihre Tränen zurück.

Doch der Wesir offenbart ihr, dass auch der Sultan Zuneigung zu Uns el-Wudschûd hege und er deshalb um sich selbst und um den Sultan fürchte.

Wird hier auf die Homosexualität des Sultans angespielt?

*

373. Nacht

Die Gemahlin antwortet dem Wesir:

"Warte, bis ich das Gebet um die rechte Leitung verrichtet habe!"

Nach zwei Rak'as schlägt sie ihm vor, der Tochter ein Schloss auf dem Berg Dschebel eth-Thakla im Meere von el-Kunûz zu bauen und sie dorthin zu verbannen.

Und fertig ist der Ausgangspunkt für eine Story der getrennten Geliebten. Das wird noch viele Ohnmachtsanfälle, Krankheiten und ausgeweinte Augen geben.

Mitten in der Nacht ruft der Vater zum Aufbruch, und schreibt Uns el-Wudschûd als Botschaft einen letzten Vers an die Tür. Die Karawane verschifft El-Ward Fil-Akmâm, und das Schiff wird auf Geheiß des Sultans nach Rückkehr der Leute verbrannt.
Uns el-Wudschûd jedoch findet die an ihn gerichtete Botschaft, wird wie von Sinnen, verkleidet sich und wandert aufs Geratewohl los. Als er endlich ruht, um zu trinken, nähert sich ihm ein Löwe.

Er wandte sich in die Richtung der heiligen Stadt und bereitete sich auf den Tod vor. Nun hatte er aber in den Büchern gelesen, dass der Löwe sich durch den, der ihm schmeichelt, betrügen lässt, da er durch freundliche Worte getäuscht und durch Lobsprüche besänftigt werden kann. (...) "O Löwe des Dickichts, du Leu der weiten Flur, du stolzer Held, du Meister, du Ritter, du Sultan der Tiere des Feldes, siehe, ich bin ein Liebender, verzehrt von der Sehnsucht Macht, von Liebe und Trennungsleid dem Tode nahe gebracht. (...)" Als der Löwe diese Worte vernahm, wich er von ihm zurück, setzte sich nieder auf seine Hinterbeine, hob seinen Kopf zu ihm empor und begann mit dem Schwanz zu wedeln und mit den Pfoten zu winken.

Uns el-Wudschûd improvisiert noch schnell ein Gedicht.

Als er diese Verse zu Ende gesprochen hatte, erhob sich der Löwe und kam auf ihn zu.

*

374. Nacht

Der Löwe führt Uns el-Wudschûd in die Steppe, wo er die Fußspuren der Entführer von El-Ward Fil-Akmâm findet. Er folgt ihnen bis ans Meer.

An jener Stätte gab er alle Hoffnung auf.

Er sieht keinen Menschen, und da er sich vor Tieren fürchtet,

stieg er auf einen hohen Berg,

wo er auf einen Einsiedler trifft, dem er sein Leid klagt. Dieser erwidert, er habe zwanzig Jahre lang keinen Menschen mehr gesehen, aber gestern eine Menge Leute,

die auf dem Rücken des Meeres gefahren sind.

Er rezitiert ein Gedicht, das mit folgenden Versen endet:

Drum hoffe in der Liebe auf Glück nicht ohne Qualen,
Da bei dem Glücke gleich das Unglück immer liegt.
Die Liebe hat bestimmt für ihrer Jünger Scharen:
Als Ketzerei verboten ist's, sie nicht zu wahren.

*

375. Nacht

Nach den Versen umarmt der Einsiedler Uns el-Wudschûd, und beide weinen,

dass die Berge von ihren Klagen verhallten, und sie weinten so lange, bis sie beide in Ohnmacht sanken.

Sagte ich's nicht?

Inzwischen ringt auch El-Ward Fil-Akmâm mit ihrer Einsamkeit. Sie lässt Vögel der Insel mit Schlingen fangen und sie in Käfige sperren, die sie an ihre Fenster hängt. Tag und Nacht rezitiert sie Gedichte.
Der Eremit indes rät unserem Helden, sich aus Fasern von Palmstämmen ein Netz zu flechten, in das er getrocknete Kürbisse legen soll. Auf dieses Floß soll er sich setzen.

"Fahre auf ihm mitten ins Meer hinaus, vielleicht wirst du dein Ziel erreichen; denn wer nicht wagt, kommt nicht ans Ziel."

Dies tut er,

und er lernte die Wunder und die Schrecken des Meeres kennen,

bis er schließlich starb und die Geschichte aus war. durstig und hungrig auf der Insel Dschebel eth-Thakla landet, wo er Wasser und Früchte findet. Schließlich gelangt er ans Schlosstor, wo er auf einen Eunuchen trifft, der ihn nach seiner Herkunft fragt. Sie stellen fest, dass beide aus

Ispahan

kommen.

Ispahan? In früheren Erzählungen war von Isfahan nicht in der französischen Schreibweise die Rede.